Johann Mithlinger

Kaufmännischer Angestellter. Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime. Hingerichtet.

* 1898    † 1944

 

Lebenslauf

Johann Mithlinger wurde am 31.07.1898 als ältestes von 4 Kindern (1 Bruder, 2 Schwestern) geboren.
1909 verstarb sein Vater Vincenz im Alter von 41 Jahren. Die Familie war so arm, dass die jüngeren Geschwister Johann Mithlingers in Kost gegeben werden mussten.

Von 1916 bis 1917 nahm er am Ersten Weltkrieg in Südtirol und im Karst teil.
1918 kehrte er als als Schwerverwundeter zurück. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und erreichte den Dienstgrad eines wirklichen Zugsführers und Stabsfeldwebels (militärischer Dienstgrad eines Unteroffiziers).

Von 1919 bis 1924 war er im Volkswehrbatalllon Nr. 7 und im Radfahrbataillon in Wien 10. In der Trostkaserne war er für das Bildungswesen zuständig.
1919 nahm Johann Mithlinger am Kärntner Abwehrkampf teil.
1920 heiratete er Maria Mithlinger, geb. Wurscher.
1920 wurde die Tochter Maria, 1925 der Sohn Johann geboren.
1929 erfolgte das Ende der Präsenzdienstzeit. Er wurde als Wirtschaftsstabswachtmeister entlassen.

Von 1919 bis 1934 gehörte Johann Mithlinger der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreich an.
Von 1929 bis 1934 war er Regimentskommandant des Republikanischen Schutzbundes.
(1. Schutzbund- Regiment im X. Wiener Gemeindebezirk)

Johann Mithlinger um 1942, Trostkaserne

Ab 1942 war Johann Mithlinger Leiter des Zentralkomitees der freien österreichischen Frontsoldaten innerhalb der Wehrmacht ( Widerstandsbewegung der Wehrmacht). Am 16.12.1942 wurde er erneut verhaftet.

Februarkämpfer, illegal für die KPÖ tätig, Widerstand, Verhaftung, Todesurteil

Im Mai 1934 wurde Johann Mithlinger wegen Betätigung für die sozialdemokratische Arbeiterpartei bei der Februarrevolte 1934 mit 3 Wochen Arrest betraft.

1937 wurde Johann Mithlinger zwecks Hintanhaltung von Störungen der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit zum Aufenthalt in einem Anhaltelager auf die Dauer von 3 Monaten verurteilt. Er verblieb aber schließlich nur wenige Tage in Haft.

Von 1936 bis 1943 arbeitete er mit der illegalen KPÖ zusammen.

1938 wurde Johann Mithlinger einen Tag nach dem Einmarsch Hitlers von der Gestapo verhaftet.
Ab 1941 setzte er als Angehöriger der Wehrmacht seine politische Tätigkeit fort.

Ab 1942 fungierte er als Leiter des Zentralkomitees der freien österreichischen Frontsoldaten innerhalb der Wehrmacht ( Widerstandsbewegung der Wehrmacht).

Im Zeitraum der Jahre 1941 bis 1942 kam es zur Verurteilung und Haft des Sohnes von Johann Mithlinger aufgrund der Herstellung illegaler Flugschriften.

Johann Mithlinger wurde am 16.12.1942 erneut verhaftet. Er hatte im Sinne seiner politischen Tätigkeit regimekritische Druckschriften verfasst. Seine widerständischen Handlungen waren schon länger bekannt gewesen.

Johann Mithlinger wurde als vermeintliches Mitglied des Zentralkomitees der KPÖ wegen Wehrmachtszersetzung sowie Hoch- und Landesverrat vor dem großen „Senat des Volksgerichtshofes Berlin“ in Wien am 29.9.1943 zum Tode und dauerhaftem Ehrverlust verurteilt.

Von September 1943 bis Juni 1943 war er 9 Monate in der Todeszelle am Landesgericht Wien In Haft.
Die Hinrichtung von Johann Mithlinger erfolgte am Mittwoch, 7. Juni 1944, um 18h.

Einen Tag vor seiner Hinrichtung, am 6. Juni 1944, hatten Truppen der Alliierten mit der Landung in der Normandie begonnen (D-Day). Es war dies die von der Anti- Hitler- Koalition lang geplante Aktion, um Europa vom Faschismus zu befreien.

Todesurteil

Johann Mithlinger wurde als vermeintliches Mitglied des Zentralkomitees der KPÖ wegen Wehrmachtszersetzung sowie Hoch- und Landesverrat vor dem großen „Senat des Volksgerichtshofes Berlin“ in Wien am 29.9.1943 zum Tode und dauerhaftem Ehrverlust verurteilt.

„Österreichische Volksstimme“ (Ausgabe von 7. 6. 1946)

Nekrolog über Johann Mithlinger, wie er seine Hinrichtung

„… mit erhobenen Hauptes aufrecht und mutig den Tod entgegenging. Mit ihm ist einer der besten Söhne unseres Volkes und unserer Partei für die Befreiung der Arbeiterklasse und für seine Idee aus dem Leben gegangen.“

Johann Mithlinger jun. um 1948

Der Sohn Johann Mithlingers, der ebenso den Namen Johann Mithlinger trug und von 1941 bis 1942 ebenfalls inhaftiert gewesen war, bemühte sich unmittelbar nach dem Krieg etwas über das Schicksal seines Vaters herauszufinden. Dies erwies sich insofern als Herausforderung, da es kaum Anhaltspunkte über den Verbleib der Leichname ermordeter Widerstandskämpfer gab. Viele Leichen wurden vom Landesgericht an das anatomische Institut übergeben. Die Verantwortlichen legten sich hier noch lange quer, ihre Unterlagen und Bestände zugänglich zu machen. Die Suche nach den Toten auf dem Zentralfriedhof in der Gruppe 40 war auch kein leichtes Unterfangen, zumal auch die Lage der verscharrten Leichen nicht genau verifiziert werden konnte.

Johann Mithlinger junior verstarb 2002 und hat zu Lebzeiten seiner Tochter Anekdoten und Lebensdaten ihres Großvaters weitergegeben.

Die Suche nach den Toten

Aus „Neues Österreich“- Organ der demokratischen Einigung, 12. Juni 1945

„Die Gräber fordern Sühne“

„Die Nazis hatten Angst vor Märtyrern. Sie mordeten die Lebenden und fürchteten die Toten. Sie fürchteten ihre Macht so sehr, dass nicht einmal den engsten Angehörigen der Ort der Grabstätte bekanntgegeben werden durfte. (...) Um die Gräberreihen des Zentralfriedhofes irrten die vielen Tausenden, die die letzte Ruhestätte ihrer Liebsten suchten. Vergeblich! (...) Unter ihnen befand sich auch ein junger Mann namens Johann Mithlinger. Die Hitlerschergen hatten seinen Vater am 7. Juni 1944 ermordet. Schmerz und Liebe zogen ihn immer wieder auf den Zentralfriedhof. Dort spähte er in die offenen Schachtgräber, horchte auf Gespräche der Totengräber - alles umsonst. Es war ihm wie den vielen anderen Unglücklichen nicht vergönnt, vor dem Grab seines Vaters einige Minuten in stiller Trauer zu verharren. Nach den letzten Kriegstagen trieb den jungen Mann erneut die Sehnsucht nach dem geliebten Vater auf den Friedhof. Er fand ein Bild der Verwüstung und der Zerstörung, er fand aber, dank seiner Umsicht noch mehr. In einem Büro der Friedhofsverwaltung lagen in wildem Durcheinander Schriftstücke auf dem Boden verstreut. Von einer inneren Kraft getrieben, sammelte er sie ein und begann sie zu schlichten. Dabei las er unwillkürlich darin. Und was er las ließ seinen Atem stocken. Er hatte die Begräbnisdokumente der Hingerichteten gefunden. Fieberhaft suchte er nach dem Namen seines Vaters - bis jetzt noch vergeblich. Aber er eilte mit dem Fund in das Staatsamt für Inneres, um dort in Ruhe sichten zu können. Wenn er schon nicht den Platz wissen sollte, wo die geschändeten Gebeine seines Vaters ruhen, sollten wenigstens so schnell wie möglich die Angehörigen der anderen Opfer davon Kenntnis erhalten. Das Ergebnis seiner Arbeit wird hier fortlaufend veröffentlicht."

Johann Mithlinger Gedenkverein für kulturelle Erinnerungsarbeit

Im März 2014 gründete die Enkelin Johann Mithlingers, Barbara Mithlinger, den Johann Mithlinger Gedenkverein für kulturelle Erinnerungsarbeit. Der Verein bezweckt, durch künstlerische Erinnerungs- und Gedenkarbeit in Form von Konzerten, Lesungen, Ausstellungen sowie durch kulturpädagogische Fortbildungen und Vorträgen geschichts- und gesellschaftspolitische
Aufklärungsarbeit zu leisten. Ziel des Vereins ist es, die nationalsozialistische Vergangenheit, ihre Vorgeschichte und deren fortdauernden Kontinuitäten in der österreichischen sowie internationalen Politik und Gesellschaft kritisch zu beobachten und zu dokumentieren, gesellschaftspolitische Sensibilisierung zu ermöglichen, für die Sicherung demokratischer Werte einzustehen und jeder Form von Wiederbetätigung entgegenzutreten. Mag. Barbara Mithlinger ist Kulturwissenschaftlerin und Künstlerin.

Umbenennung der Wohnhausanlage "Rasenstadt" in Johann Mithlinger Siedlung, August 1945

Bei der Umrundung der Wohnhausanlage entdeckt man an der Fassade des Blockes Neilreichgasse 100 eine Tafel, die an den Widerstandskämpfer Johann Mithlinger (geb. 1898) erinnert, der hier wohnte und 1944 aufgrund seiner Widerstandstätigkeit gegen das NS Regime hingerichtet worden war. Die Ende der 1920er Jahre erbaute Wohnhausanlage mit dem ursprünglichen Namen „Rasenstadt“ wurde im August 1945 in Johann Mithlinger Siedlung umbenannt.

Die städtische Wohnhausanlage Rasenstadt wurde als erste Gedenkstätte für Opfer des österreichischen Widerstandes gegen das NS-Regime in Johann-Mithlinger-Siedlung umbenannt. 
Bürgermeister Theodor Körner enthüllte am Eingang der Siedlung eine Gedenktafel, die an Mithlinger und zwölf weitere Bewohner erinnert, die ebenfalls Opfer des NS-Regimes wurden.

Familie Mithlinger wohnte seit ihrer Fertigstellung im Jahre 1931 in der Wohnhausanlage „Rasenstadt“- später Johann Mithlinger Siedlung. In der Wohnung wohnte die Tochter Johann Mithlingers sen. bis zu ihrem Tod im Jahr 2010.

Familiengrab am Matzleinsdorfer Friedhof

Johann Mithlinger wurde am Friedhof Matzleinsdorf in einem Ehrengrab beigesetzt.

Fest steht, dass die Leiche Johann Mithlingers tatsächlich im Anatomischen Institut gefunden und im Familiengrab auf dem Matzleinsdorfer Friedhof beigesetzt werden konnte. Johann Mithlinger junior verstarb 2002. In der Wohnung Johann Mithlingers wohnte die Tochter Johann Mithlingers sen. bis zu ihrem Tod im Jahr 2010.

Gedenkort - Gruppe 40, Zentralfriedhof

In der Gruppe 40 wurden die im Wiener Landesgericht Hingerichteten beerdigt. 2013 wurde die Gruppe 40 zur Nationalen Gedenkstätte erklärt.

Quellen und Bildnachweise

  • Porträtbild, Grabbild und weitere Bilder zur Verfügung gestellt von Mag.a Barbara Mithlinger
  • Bild Fallbeil/Guillotine: Leihgeber Kurt Brazda

Mag.a Barbara Mithlinger hat den Lebenslauf ihres Großvaters aus folgenden Quellen zusammen getragen:

  • Hinrichtungsprotokolle, Verhaftungsprotokolle, Geburtsurkunde, Heiratsurkunde, Zeitungsartikel, Familienüberlieferungen etc.

  • Unterlagen aus Privatbesitz

  • DÖW Katalog zur permanenten Ausstellung. Hg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, Wien 2006

  • Brigitte Bailer, Wolfgang Maderthaner, Kurt Scholz (Hg.), „Die Vollstreckung verlief ohne Besonderheiten“, Wien

  • Lichtenwagner, Mathias: Leerstellen. Zur Topographie der Wehrmachtsjustiz in Wien vor und nach 1945. Wien, 2012.

Das Porträt entstand in Zusammenarbeit von Mag.a Barbara Mithlinger, der Enkelin von Johann Mithlinger, mit Jürgen Heimlich vom Verein Zur Erinnerung.

Weiterführende Informationen

  • DÖW Katalog zur permanenten Ausstellung. Hg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, Wien 2006
  • Wolfgang Neugebauer, Der österreichische Widerstand 1938-1945, Wien 2008
  • Die Geschichte des Grauen Hauses und die österreichische Gerichtsbarkeit, Wien 2012
  • DÖW (Hg.) Widerstand und Verfolgungen in den österreichischen Bundesländern (Wien, Burgenland, Oberösterreich, Tirol, Niederösterreich, Salzburg), Wien 1975-1991
  • Heinz Arnberger, Claudia Kuretsidis-Haider (Hg.) Gedenken und Mahnen in Niederösterreich. Erinnerungszeichen zu Widerstand und Verfolgung, Exil, Befreiung, Wien 2011
  • Brigitte Bailer, Wolfgang Maderthaner, Kurt Scholz (Hg.), „Die Vollstreckung verlief ohne Besonderheiten“, Wien
  • Herbert Steiner, Gestorben für Österreich. Widerstand gegen Hitler. Eine Dokumentation, Wien 1995
  • Herber Steiner, Zum Tode verurteilt: Österreicher gegen Hitler. Eine Dokumentation, Wien 1964
  • Willi Weinert, „Mich könnt ihr löschen, aber nicht das Feuer“. Biografien der im Wiener Landesgericht hingerichteten WiderstandskämpferInnen gegen das NS-Regime. Ein Führer durch die Gruppe 40 am Wiener Zentralfriedhof. 4. Auflage Wiener Stern Verlag 2017
  • Lisl Rizi, Willi Weinert, „Mein Kopf wird euch auch nicht retten“. Korrespondenzen österreichischer WiderstandskämpferInnen aus der Haft. 4 Bände. Wiener Stern Verlag 2016

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